Santisha- Chroniken einer Königin (Messor minor hesperius)

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    • Santisha- Chroniken einer Königin (Messor minor hesperius)

      Guten Abend und einen Gruß in die Gemeinschaft!

      Mir wird heute zweierlei Ehre zuteil. Nämlich erstens, dass ich den ersten Haltungsbericht über Messor minor hesperius hier im AmeisenCafe präsentieren darf und zweitens, dass dieser in einer bisher nicht gewohnten Form geschrieben sein wird. Um ihn (hoffentlich) lesenswerter zu gestalten, hatte ich den Gedanken, das Ganze mal eher aus Sicht der Ameisen zu betrachten. Natürlich sind wir alle keinen Ameisen und deswegen sind einige Dinge, die ich schreibe auch nicht zu 100% plausibel, was die "Gedankengänge" und Sichtweisen einer Ameise angeht, aber ansonsten würde der Bericht wohl höchst unverständlich werden. Die ganze Aktion wurde mit freundlicher Unterstützung von chrizzy als Co-Autor durchgeführt. Selbstverständlich darf auch diskutiert werden (Einfach Unter Allgemein einen Thread öffnen bei Bedarf). Lob bitte an mich und Kritik an chrizzy :lachen:
      Edit: Selbstverständlich werden in den auf den Prolog folgenden Kapiteln haltungsrelevante Themen angesprochen. Das hier soll schließlich nicht nur eine Story sein, sondern für den Halter nützliche Infos bereithalten. Lasst euch einfach überraschen. Ich hoffe, ihr könnt mit meiner Idee etwas anfangen.

      Kurz noch ein Steckbrief zur Art und dann geht´s los :D

      Name: Messor minor hesperius
      Heimat: Kanarische Inseln
      Kaste: monogyn , polymorph
      Aussehen der Königin: 12mm Farbe: glänzend schwarz
      Aussehen der Arbeiterin: 4-11mm Farbe: glänzend schwarz / braun
      Aussehen der Soldaten: Farbe: ---
      Nestbau: Erdnester, häufig im Sand oder unter Steinen
      Nahrung: Hauptsächlich Insekten aber auch Körner verschiedener Wildpflanzen (auch Gräser), und Honigwasser
      Temperatur: 22-28°C, kann Winterruhe im ungeheizten Zimmer bei 12-15 °C verbringen.
      Luftfeuchtigkeit: Kornkammern = möglichst trockenes Klima, Brutkammern = leicht feuchter Bodengrund
      Formicarien: Insel, normale Ameisenfarm + Arena, Becken
      Durchgang: 8-10 mm ausreichend
      Plattenabstand 10 mm ausreichend
      Bodenbeschaffenheit: Sand, Lehm, Steine
      Bepflanzung: Nicht notwendig
      Formicarienzubehör: Lampe, Heizstrahler
      Haltungsklasse: 1
      Risikoklasse: 1

      Gefahren: nicht bekannt
      Besonderheit: Die Kolonie besitzt große Arbeiterinnen. Minor- bis Majorarbeiterinnen in allen Übergangsformen. Besonders große Kolonien tragen auf langen Straßen ihre Körner ein. Sie speichern die Samen in vielen Kornkammern und bereiten in "Kaugemeinschaften" das sogenannte "Ameisenbrot" für die kühlere Jahreszeit zu. Sie legen einen Abfallhaufen an.

      Entnommen aus: antstore.net/shop

      Nun also viel Spaß beim lesen :)

      Hier gehts zur Diskussion
      Träume den unmöglichen Traum, besiege den unbesiegbaren Feind, strebe mit deiner letzten Kraft nach dem unerreichbaren Stern.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ice_trey ()

    • Prolog- Nur ein winzig kleiner Schritt

      Ich bin ein bemitleidenswertes Geschöpf. Ständig schaut so eine hässliche Hackfresse in mein Reagenzglas und spannt! Typisch Menschen... denken immer sie könnten sich alles rausnehmen. Die Krone der Schöpfung, tz...
      Aber dazu später mehr. Ihr fragt euch jetzt sicherlich erstmal, wer ich eigentlich bin. Santisha ist mein Name und ich bin eine Ameise. Nicht irgendeine dahergelaufene Standard-Ameise, nein! Ich bin Ihre Majestät, Königin Santisha die MCXXVII. höchstpersönlich! Die Königin eines riesigen Imperiums!! Naja... jedenfalls sollte ich das eigentlich werden. Wäre nicht etwas furchtbar Dummes dazwischengekommen.

      Ich erinnere mich noch ganz genau an jeden Tag. Es herrschte eine riesige Aufregung bei uns im Nest. Ich verstand erst gar nicht was los war, bis mich eine dieser mehr als nichtsnutzigen Drohnen mit den Worten "Hab ich Zucker in den Augen oder bist du so süß?" blöd von der Seite anmachte.
      Wooow! Bin beeindruckt... *gähn*. Soviel Einfallsreichtum und das schon am frühen Nachmittag! Eigentlich hatte ich nicht vor, mit meinen eigenen Brüdern anzubandeln, aber das schien hier nicht jedem klar zu sein. Naja, ich ließ besagten Trottel links liegen, reihte mich ein unter meinen zahlreichen Schwestern ein und folgte ihrem Strom in Richtung Nestausgang. Geschickt manövrierten sich einige Arbeiterinnen durch die Reihen.

      "Bist du religiös?" fragte der Nächste. "Denn weißt du, ich bin die Antwort auf deine Gebete!"
      Ahjaaa...
      Heute waren anscheinend nur höchst qualifizierte Sprücheklopfer auf dem Highway, aber das sollte mir den Tag nicht vermiesen! Nein, ich wusste ganz genau, dass ich nicht eine dieser kläglichen Gestalten sein würde, die sich bei den Schwarmflügen von irgendwelchen dahergeflogenen Vögeln fressen ließen, im Meer ertranken oder dummerweise im nächsten Spinnennetz landeten. Zugegeben, ich weiß bis heute nicht, was ein Spinnennetz ist, aber die Berichte der Arbeiterinnen, die Außendienst schoben waren furchterregend. Da machte man ahnungslos einen kleinen Spaziergang und plötzlich klebte man in einem klebrigen Gespinst fest, Auge in Auge mit dem Tod. Einer riesigen, furchtbaren, haarigen Spinne, die einen geifernd mit ihren Kiefern entgegenlechzte! Was auch immer eine Spinne war...

      Aber was sollte es. Heute war mein Tag und das sollten mir weder die Massen an minderbemittelten Männchen, die mit allen Körperteilen dachten, nur nicht mit ihrem Gehirn, noch irgendwelche sabbernden Ungeheuer vermiesen. "God save the Queen!" sagt man ja so schön.
      So langsam aber sicher wurde der Gang auch heller. Eine sehr ungewöhnliche Sache. Schauderhaft. Ich musste mich zwingen weiterzugehen in das grelle, weiße Licht, das meine Augen blendete. Aber wenigstens wurde es, als ich aus dem Nest hinaustrat, schlagartig wärmer.

      Nur ein kleiner Schritt für eine Ameise, aber ein großer Schritt für die Ameisenheit! Ja, noch heute sollte es die gesamte Welt sehen. Santisha die MCXXVII. von San Sebastian de la Gomera würde ihre Art erhalten und dem Feind zeigen, was eine echte Kolonialmacht war!

      Aber zuerst durfte ich mich fühlen wie ein Brathähnchen (die Arbeiterinnen hatten mal davon erzählt und ein Stück von einem mitgebracht), denn außerhalb des schützenden Nests war es abartig heiß. Das Gedränge am Ausgang war genauso erstickend wie die Hitze. Es gab fast kein Durchkommen. Wohin das Auge blickte quetschten sich junge Königinnen, Arbeiterinnen und Männchen aneinander vorbei. Schon hörte man erstes Flügelschlagen und dreisterweise schwangen sich schon vor mir selbst einige Jungköniginnen in die Luft, begierig verfolgt von je mehreren Drohnen. Diese verdammten Drohnen! Hätten sie mich nicht mit ihren dämlichen Sprüchen aufgehalten, dann wäre ich viel früher draußen gewesen. Aber das half jetzt alles nichts. Ich hatte die erste Abflugwelle verpasst und musste mich hinten einreihen. Wunderbar, denn durch die voreiligen Konkurrentinnen wurden schon erste Vögel angelockt. Jedenfalls vermutete ich, dass es Vögel waren, denn mit eigenen Augen hatte ich solche bis jetzt nie gesehen. Ziemlich groß waren sie und übertrafen meine Vorstellungen bei Weitem.
      Träume den unmöglichen Traum, besiege den unbesiegbaren Feind, strebe mit deiner letzten Kraft nach dem unerreichbaren Stern.
    • Naja, zurück zum eigentlichen Geschehen. Nach endloser Warterei und umringt von einer grandiosen Eskorte war ich dann auch endlich an der Reihe an den Abflugpunkt treten zu dürfen. Eine sichtlich gestresste Majorin versuchte gerade die Abflüge auf meiner Startbahn zu koordinieren. Wild fuchtelte sie mit ihren Fühlern herum und stieß in regelmäßigen Abständen Duftwolken aus, woraufhin andere Arbeiterinnen meine Schwestern und schließlich auch mich losließen. "Santisha MCXXVII. to tower, Santisha MCXXVII. to tower, i need clearance for take-off. I repeat, ready for take-off!” Die Majorin sah mich entnervt an, schüttelte den Kopf und winkte ein paar für mich unverständliche Zeichen in Richtung der Arbeiterinnen, die mir daraufhin einen Schubs gaben und sich den nächsten Jungköniginnen zuwandten. Mit einem letzten, trauernden Blick Richtung Heimat benutze ich zum ersten und auch letzten Mal meine Flügel. Mich überkam in dem Moment, als ich mich in die Lüfte emporschwang ein nie gekanntes Freiheitsgefühl. Ja, jetzt war es soweit. Ich stand endlich auf eigenen Beinen. Nie mehr würde ich von irgendwelchen Arbeiterinnen herumgeschubst und gezerrt werden, nur weil es ihnen gerade in den Kram passte!



      Erst jetzt wurde mir der atemberaubende Anblick der Umgebung bewusst. Dass die Welt so weitreichend war, hätte ich nie zu träumen gewagt. Vor mir erstreckte sich eine riesige Wasserfläche. Das Meer. Ja, das musste es sein!



      Doch da wollte ich nicht hin. Ich änderte meine Flugrichtung in die entgegengesetzte Richtung und hielt geradewegs auf die grüne Landschaft zu. Angesichts meiner Euphorie wurde mir erst jetzt schlagartig bewusst, dass ich in Gefahr war. Hektisch hielt ich Ausschau nach irgendetwas, das mir gefährlich werden konnte. In einiger Entfernung konnte ich beobachten, wie einige meiner Schwestern und Brüder im Flug von Vögeln getötet wurden.
      Glücklicherweise flog ich etwas abseits des Hauptstroms und blieb daher von Feinden unentdeckt. Nicht jedoch von einigen Männchen, die mich verfolgten. „Ha, denen mach ich es sicherlich nicht leicht“ dachte ich mir. Ich legte einen Zahn zu und befriedigenderweise verloren mich die meisten der Luschen alsbald aus den Augen.

      Um die ganze Geschichte abzukürzen: Es sollte klar sein, was die letzten Überbleibsel der Männchen, die es mit mir im Wettfliegen aufnehmen konnten mit meiner Wenigkeit anstellten [zensiert] ;)

      Eine Erfahrung reicher schlug ich noch einen Bogen und suchte mir eine schöne Stelle zum Landen aus. Heute war anscheinend mein Glückstag, denn ich wurde weder von Vögeln noch von sonst irgendeinem gefährlichen Tier behelligt. Kurz vor der Landung begegnete ich noch einer Biene, die mich kokett angrinste, einige vulgäre Gesten machte und dann schallend lachend ihren Weg fortsetzte.



      Nichtsdestotrotz setzte ich ein wenig unsanft auf dem sandigen Untergrund auf. Es war geschafft.



      Meine Flügel schmerzten mich und ich war etwas außer Atem. Deswegen beschloss ich, den unnötigen Ballast abzuwerfen. Zögerlich zog ich an meinem rechten Flügel, doch das unmittelbar einsetzende unangenehme Schmerzgefühl ließ mich innehalten. „Reiß dich zusammen... die müssen weg! Die brauchst du nie wieder, sind nur unnötig schwer die Dinger!“ sagte ich zu mir selbst und mit einem schnellen Ruck riss ich das erste Flügelpaar aus meinem Leib. Eine Welle des Schmerzes fuhr meinen gesamten Thorax entlang und ein heftiges Stechen machte sich an der Stelle bemerkbar, an der eben noch meine wunderschönen Flügel zu bestaunen waren. Doch natürlich konnte ich es nicht so lassen wie es war. Sah ja saublöd aus, auf der einen Seite Flügel und auf der anderen nicht. So würde ich mich nichtmal vor einer Milbe präsentieren... wie peinlich. Mit einem zweiten, energischen Ruck entledigte ich mich auch noch von meinem zweiten Flügelpaar und verließ so schnell wie möglich die offene Ebene in Richtung Gras.

      Kurz bevor ich den ersten Halm erreichen konnte, fing der Boden unter meinen Füßen zu beben an. Einmal... Zweimal... Dreimal... Hektisch versuchte ich, die Ursache auszumachen, als sich der Himmel über mir schlagartig verdunkelte. „Nur noch ein paar Schritte“, rief ich mir ins Gedächtnis und rannte so schnell wie möglich in Richtung des rettenden Grüns. Auf einmal fühlte sich die Erde unter meinen Füßen sehr hart und kalt an und direkt vor mir senkte sich ein weißes, flaumiges Ding herab. Noch bevor ich meinen Beinen den Befehl geben konnte, stehen zu bleiben und umzudrehen, rückte auch hinter mir eines der fasrigen Dinger in meine Nähe. Ich versuchte zur Seite auszubrechen, um meinen beiden Widersachen entkommen zu können und... lief plötzlich in der Luft! Ich staunte nicht schlecht, als ich plötzlich wieder ein Stück in der Luft hinabrutschte und... moment mal! Luft ist doch nicht hart...!? Und Luft kann man auch nicht hinabrutschen...! Naja, egal. Keine Zeit groß nachzudenken. Ich versuchte es in die andere Richtung- mit dem selben Resultat. Die beiden weißen Tiere waren anscheinend auch stehen geblieben. Vermutlich nahmen sie meine Witterung auf. Ich beschloss, mich einfach ganz still zu verhalten und mich nicht zu bewegen.

      Obwohl ich mich kein Stück rührte, wurde mir auf einmal ganz flau im Magen und ich wurde zu Boden gedrückt. Mit einem Ruck kam ich zu stehen. Ich schwebte in der Luft. Unter mir konnte ich eindeutig den Boden erkennen. Dort drüben war die Stelle an der ich gelandet war und kurz vor mir begann die Graslandschaft.

      Als ich hochblickte senkte sich ein riesiges, unförmiges Ding zu mir herab und einen Moment später glotze mich ein gewaltiges, braunes Auge an.



      „Ich hab eine!“. Der Schrei ließ meinen Körper erzittern. Was sollte das denn heißen? „Ich hab eine!“ Der tickte ja wohl nicht mehr ganz richtig! „Eine!“ Santisha MCXXVII. von San Sebastian de la Gomera höchstpersönlich wenn schon! Mürrisch musste ich feststellen, dass das, was über mir schwebte das Auge eines Menschen zu sein schien. Jedenfalls ließ die Größe, die Farbe, die Lautstärke und der widerliche Gestank, der zu mir durchdrang darauf schließen, dass die Außendienstlerinnen bei ihren Berichten nicht übertrieben hatten. Etwas grauenhafteres und hässlicheres habe ich wahrlich noch nie gesehen.

      Wenigstens blieben die beiden weißen Dinger still auf ihrem Platz sitzen. Bei meinem Glück hätte es mir gerade noch gefehlt, wenn sie über mich hergefallen wären. Da sie auch Minuten später keine Regung machten (im Gegensatz zum durchsichtigen Boden unter mir, der in regelmäßigen Abständen regelmäßig Erschütterungen auf mich übertrug), beschloss ich, mich vorsichtig anzunähern und sie zu untersuchen. Ich betastete erst mal das Ding hinter mir und musste feststellen, dass es ziemlich weich war.



      Da es nicht auf meine Berührung reagierte, zupfte ich mit den Mandibeln ein wenig daran. Als auch hier keine Regung zu beobachten war, riss ich voller Wut ein ganzes Stück davon heraus und schmiss es hinter mich auf den Boden. Anscheinend war es kein Tier und da es keine Anstalten machte, sich zu wehren, beschloss ich, dass es wohl kaum gefährlich sein dürfte. Das zweite weiße Ding war ziemlich feucht. Ich streckte meine Zunge hin und erfuhr auf diese Weise, dass es Wasser abzusondern schien. Es schmeckte ein wenig seltsam, aber da ich durstig war, nahm ich erstmal ein paar kräftige Schlucke.

      Kurze Zeit später wurde es Nacht um mich.

      Fortsetzung folgt...
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    • Kapitel 1- Von Menschen und Misanthropen

      Watte zerfetzen macht Spaß. Ja wirklich, ihr müsst es mal ausprobieren! Wenn man nichts anderes zu tun hat, dann hilft das Wunder gegen Langweile. Außerdem regen sich die Menschen dann immer auf à la "Oh nein, die zerrupft ja die ganze Watte!"
      Das freut mich dann umso mehr.

      Mittlerweile hatte ich herausgefunden, dass man das, worin ich saß, Reagenzglas nannte. Und dieses Reagenzglas wurde durch eben jene Watte verschlossen, die ich anfangs für weiße, flauschige Tiere hielt.
      De Facto musste ich also irgendwann hier herauskommen, wenn ich nur genügend Watte in seine Einzelteile zerlegte.

      Naja, in der Zwischenzeit war ich irgendwo wieder angekommen, gefühlte 50 hässliche Menschen hatten mich im Reagenzglas beglotzt und meine Arbeit an der Verschlusswatte im negativen Sinne zu Ende gebracht, da sie mich mit einem langen, spitzen Ding packten und in ein anderes gesetzt hatten. Toll, nun durfte ich wieder von vorne anfangen. Hab ja sonst nix zu tun...

      In der Zeit, als mein Reagenzglas nicht abgedunkelt wurde, konnte ich mich ein wenig umsehen. Anscheinend befand ich mich in einer Art Ameisenlegebatterie. Um mich herum konnte ich Hunderte weitere Reagenzgläser sehen und in diesen saßen viele weitere Königinnen. Manche davon sahen ziemlich komisch aus. Ganz anders als ich selbst. Es gab große und kleine, dicke und dünne, rote, braune, schwarze und sogar grüne und in manchen Reagenzgläsern saßen komischerweise mehrere auf einmal. Das verwunderte mich schon stark, denn ich selbst würde es niemals dulden, dass eine weitere Königin mein kleines Reich entwürdigte! Hier herrschte eine Alleinherrschaft und so sollte es auf immerdar bleiben.

      Auch verschiedene Arbeiterinnen konnte ich teilweise entdecken. Irgendetwas war hier faul! Ich hatte noch nie so viele verschiedene Ameisen an einem Ort gesehen. Wären die Reagenzgläser nicht, würde es hier sicherlich nicht so friedlich zugehen. Aber so saßen alle nur herum und schlugen die Zeit tot. Oder sie zerfetzten Watte, wie ich.

      Irgendwann später verspürte ich einen großen Druck in mir. Ich wusste nichts damit anzufangen, deshalb wartete ich einfach ab. Das Gefühl verstärkte sich aber zusehends und wanderte langsam in Richtung meiner Gaster. Auf einmal ließ der Druck nach. Ich drehte mich um und vor mir... lag ein Ei!? Neugierig begutachtete ich es. Es sah eigentlich genauso aus, wie die ganzen Eier, die ich bei uns daheim im Heimatnest gesehen hatte. Sofort machte ich mich daran, dem Ei die notwendige Pflege zukommen zu lassen und beleckte es ein wenig. Die folgenden Tage legte ich noch einige weitere Eier und es war schon ein stattlicher kleiner Haufen geworden.

      Nach einigen Wochen wurde mein kleines Zuhause auf einmal hochgehoben. Ein Mann mit braunen Augen schaute zu mir herein. Auf seinem Sweatshirt konnte ich einen Aufdruck entdecken. A…N...T...S...T...O...R...E. ANTSTORE? Was war das denn?
      Klang für mich nicht gerade einleuchtend. Ameisenladen... Machte irgendwie keinen Sinn. Aber wer wusste schon, was sich Menschen alles ausdachten?
      Als er mein kleines Nest emporhob, wurde ich erst einmal ein wenig herumgeschüttelt und ich bekam Angst. Nach Wochen des Herumsitzens waren aus meinen kleinen Eiern ebenso kleine Larven geschlüpft. Ich versuchte sie festzuhalten, damit die Erschütterungen den empfindlichen Körpern nicht schaden konnten.
      In den folgenden Minuten wurde es wieder dunkel um mich. Ich hörte lautes Rascheln und der Mensch sagte irgendetwas von „Versand“ und „noch heute zu GLS bringen“. Ich verstand ehrlichgesagt überhaupt nicht, was er damit meinte, aber wenigstens wurde es jetzt ein wenig wärmer.

      Die daraufhin folgenden zwei Tage bestanden aus einer Mischung zwischen Lärm, Erschütterungen und weiteren unangenehmen Erfahrungen. Viele Menschen sagten Dinge, die mich sehr verwirrten.
      Am dritten Tag begann die Wärme wieder abzunehmen. Es wurde still um mich. Verdächtig still...
      Wieder hörte ich ein lautes Rascheln und eine geringe Erschütterung erreichte mich und mein kleines Eigenheim. Es wurde hell.

      Wer hätte es gedacht. Wie eigentlich immer starrte mich ein Mensch an. Mit besorgtem Gesicht musterte er mich. Er hatte wie der Mann in der Ameisenlegebatterie braune Augen, aber seine Haare waren eher rot, mit einem braunen Stich. Das war etwas neues für mich, aber insgesamt gefiel er mir genauso wenig wie die anderen Menschen. Wie konnte man nur so hässlich sein? Und der Geruch war abartig. Fast schon konnten einem die Menschen Leid tun, denn für mich wäre es ein Graus, so herumlaufen zu müssen. Das Gespött der gesamten Umgebung.

      Unter mir erkannte ich ein rechteckiges, braunes Ding, in dem- wie ich stolz auf meinen Wissensstand sagen konnte- viele weiße 3-er lagen.



      Erst jetzt bemerkte ich, dass meine Eier und Larven am Reagenzglaseingang verstreut lagen. Der Mensch schob etwas über das Reagenzglas und es wurde wieder dunkel. Mein Reagenzglas wurde irgendwo hingetragen, das konnte ich spüren.

      Die daraufhin folgenden Stunden wurde ich nicht mehr behelligt. Ich nutze sie, um meine Kleinen wieder zusammenzutragen und mich ein wenig zu beruhigen. Die letzten Tage waren sehr stressig gewesen. Ich fühlte mich ausgelaugt.

      Doch der Frieden währte nur für wenige Stunden.

      Fortsetzung folgt...
      Träume den unmöglichen Traum, besiege den unbesiegbaren Feind, strebe mit deiner letzten Kraft nach dem unerreichbaren Stern.
    • Koloniewechsel

      Liebe Community,

      nach einigen Anfragen habe ich mich nun dazu entschlossen, meinen Haltungsbericht aus Sicht der Königin fortzuführen.

      Zwar ist Santisha MCXXVII. wie bekannt leider verstorben und leistete ihrer Brut keine Schlupfhilfe (siehe hier und hier), jedoch fand ich im Gewusel meiner anderen Messor hesperius Kolonie die Memoiren deren Königin Santisha MCXI. - und staunte nicht schlecht, dass es sich hier um niemanden anders handelt, als um eine direkte Schwester meiner früheren Königin. Doch seht selbst. Ich habe mir vorbehalten die wichtigsten Passagen der ausführlichen Berichte der Königin für euch herauszusuchen. Zudem finden sich einige kursiv dargestellte Kommentare meinerseits, um die Beschreibungen der Ameisen verständlich zu komplettieren, da der beschränkte Verstand einer Ameise ihr nicht erlaubt, den Sinn und die Herkunft von jeglichen Geschehnissen richtig zu deuten.



      Bericht Ihrer hochwohlgeborenen Santisha MCXI. von San Sebastian de la Gomera, ehrwürdigste Mutter aller Koloniemitglieder, verfasst im Jahre 2010 menschlicher Zeitrechnung, in Zeiten großen Wohlstands und im Reich des weißen Sandes. Auf dass die Kolonie wachsen und gedeihen möge!

      (Anmerkung des Halters: Im großen und Ganzen fasst die Königin hier wie es scheint die Geschehnisse der letzten Wochen zusammen)

      [...]

      Meine Schwester Santisha war schon immer eine Rabenmutter!
      Um genau zu sein meine ich meine Schwester Santisha die MCXXVII. von San Sebastian de la Gomera.

      Ich, Ihre durchlauchtigste Santisha MCXI. von San Sebastian de la Gomera halte es damit jedenfalls deutlich besser.
      Das kann ich mit Fug und Recht behaupten, habe ich doch nunmehr über 100 Töchter und noch einmal ebenso viele entwickeln sich in diesem Augenblicken in erquicklicher Geschwindigkeit.

      Ganz nach einem meiner Leitsätze "Eine gute Ameisenmutter hat zu funktionieren" befindet sich in unserer Ameisenstube ein stattlicher Eierhaufen.

      Aus den neuen Medien und durch den wahnwitzigen Menschen der sich unser "Halter" nennt erfuhr ich, dass meine Schwester scheinbar unfähig war ihre Kinder aufzuziehen. Das Wort Schlupfhilfe schien sie in ihrem Leben nie vernommen, geschweigedenn in die Tat umgesetzt zu haben. Und derwohl dies nun schon eine halbe Ewigkeit zurückliegt könnte ich mich über dermaßen viel Inkompetenz auf einem Haufen immer noch echauffieren.

      Naja, in diesem Punkt stimme ich ausnahmsweise einmal zu 100% mit dem "Halter" - wie er sich, um es noch einmal zu betonen, nennt - überein. Er hatte seine rechte Freude damit... möge meine Schwester in Frieden ruhen und in ihrem nächsten Leben eine bessere Mutter werden.

      Zurück zum "Halter". Wieder einmal zeigt sich die für Menschen typische Arroganz, Besitzansprüche zu stellen, die in Wirklichkeit gar nicht existieren. Wieso spreche ich solch philosophischen Themen an?

      Zu meiner eigenen großen Schande muss ich gestehen, dass ich in Gefangenschaft lebe.
      Nach meinem Schwarmflug (glücklicherweise findet dieser nur einmal in einem Ameisenleben statt, denn diese Männchen sind auch zu nichts zu gebrauchen... eigentlich wäre der Begriff Schamflug angebrachter...) wurde ich leider ebenso wie meine unfähige Schwester von einem hässlichen Menschen eingesammelt.
      Ich frage mich wie ein Wesen mit nur vier Beinen überlebensfähig sein kann... scheinbar wird hier Dummheit nur mit Körpergröße wettgemacht.

      Aber nun gut, das Schicksal war mir nunmal ungnädig. Kein Grund, es den Menschen nicht heimzuzahlen und ihnen das Leben schwer zu machen.

      Mein kleines Reich musste ich bisher schon mehrfach wechseln. Seither habe ich viel durchgemacht.
      Über meine früheste Vergangenheit möchte ich nun jedoch nicht berichten. Wichtig sind nur drei Dinge: Unsere gegenwärtige Lage, unsere Zukunft und das Gedeihen der Kolonie.

      Derzeit residiere ich in einem schmucken Glaspalast. Um genau zu sein handelt es sich hierbei um eine lange Glasröhre. Nicht gerade komfortabel, aber ich möchte mich nicht beklagen. Neben meinem Thronsaal befindet sich die Kornkammer unseres Volkes. Eine zweite, ebenso schmucke Glasröhre. Um dort hinzukommen muss man einen kurzen Abstecher hinaus ins Freie machen- mir ist das nicht gerade geheuer, daher unternehme ich nur selten Spaziergänge und wenn, dann fallen diese nur kurz aus und bei Dunkelheit.

      In meinem kleinen Palast herrscht ein diffuses Dämmerlicht. Die Wände glänzen silbern und am Ende des Ganges fällt blendend helles Licht hinein.
      Dieses diffuse Dämmerlicht offenbart dem Betrachter (und mir tun solche Wesen wirklich leid, die ihre Augen zwingend benötigen...) ein Gewusel aus Ameisenleibern. Meine Töchter. Zwischen diesen befindet sich ein Hügel, nein, ein Berg aus Eiern.

      Mein Werk... meine Schöpfung...

      Ein wenig vorgeschoben findet man unsere Larven und Puppen.

      Hinter mir ist zu guter Letzt ein Wall aus Watte. So nennt sich ein seltsames weißes Geflecht, das immerzu feucht zu sein scheint und sich in letzter Zeit zunehmend leicht gelblich verfärbt- wobei sich dies in Grenzen hält. Ich habe meine Töchter bereits angewiesen, an andere Stellen zu defäkieren und meine Residenz nicht zu verunreinigen.

      Ich frage mich, was wohl hinter dem Wall aus Watte liegt? Ich habe meinen Töchtern den Auftrag gegeben, die Watte abzutragen. Leider geht die Arbeit nur schleppend voran, denn die Watte ist sehr garstig und lässt sich nicht leicht zerpflücken. Wir versuchen es dennoch und reißen unermüdlich Fäden davon heraus, um sie auf unserem Müllberg abzulagern. Mag sein, dass wir in einem Jahr hindurchgestoßen sind. Welch Geheimnisse mögen sich wohl dort verbergen? Wir werden es früh genug erfahren denke ich.

      Vor einigen Tagen wurde mein kleines Reich zum wiederholten Male zutiefst erschüttert. Erneut wurde unser Glaspalast umgesetzt. Nur der ominöse "Halter" weiß, wieso dies in unregelmäßigen Abständen geschieht, doch zumeist soll es nicht zu unserem Nachteil sein, wie es scheint.

      Unser erstes Habitat befand sich in einer wunderschönen orangen Ebene, mit grünen Pflanzen durchsetzt.
      Doch die Harmonie in diesem Reich war trügerisch. Immer öfter berichteten mir meine Töchter von gefährlichem Staub, der sich an uns heften würde um uns zu töten und sich durch nichts abschütteln ließe.
      Und tatsächlich. Von meiner einstmals stolzen Kinderschar von geschätzt 400 Töchtern blieben mir nurmehr ein gutes Hundert. Grauenhaft war es anzusehen, wie der orange Todesstaub die Mundwerkzeuge von meinen Kindern verklebte und sie daran verendeten, wie er ihre Atemorgane verstopften und sie daran den Tod fanden.

      (Anmerkung des Halters: Gemeint ist hier mein erstes Formicarium. Das orange Sand-Lehm-Gemisch das ich benutzte hatte auf die Ameisen eine tödliche Wirkung. Das Lehmpulver war derart fein, dass es wie die Königin schildert Mundwerkzeuge und Atemorgane verstopfte. Ein guter Teil meiner Kolonie verstarb, bis ich die Ursache entdeckte. Daraufhin wurden die Ameisen umgesiedelt)

      Wie bereits geschildert wurde unser Reich vor vielen Wochen erschüttert. Der "Halter" wies uns zu neuen Ufern, hinweg vom Todesstaub. So sehr ich ihn hasse, dafür, dass er mich einsperrt, er macht nicht alles falsch...

      Unsere neue Heimat wurde eine glatte Ebene, ich konnte das Wort "Tupperware" durch den Boden hindurchschimmern sehen. Ich weiß nicht, was es bedeutete. Außer eines: Der Todesstaub fand in uns nunmehr keine Opfer.

      Und dennoch durchkroch uns Kälte. Instinktiv wussten wir, was diese Kälfte bedeutete. Es war Winter geworden.
      Der Winter... wie soll ich ihn beschreiben? Er bedeutet ein Ausharren, Stillstand. Er ist feindlich und doch... wohltuend. Beinahe nichts ist angenehmer als nach dem Winter wieder mit der Eiproduktion zu beginnen, die mir im Winter leider nicht möglich ist.

      Und so geschah es auch. Ach, wie vermisse ich mein Heimatland, die angenehme Wärme, die flirrende Hitze als ich aufbrach meine eigene Kolonie zu gründen. All dies war mir hier verwehrt. Bis vor wenigen Tagen.

      Wieder wurde unser Nest erschüttert und wir fanden uns auf einer neuen Welt wieder. Das Reich des weißen Sandes. Unsere derzeitige Heimstatt.

      Wie meine Töchter berichteten handelt es sich hier um eine recht kleine Ebene. Die Ausmaße betragen scheinbar nicht einmal die Hälfte derer der orangen Ebene. Und dennoch ist dies ein kleiner Preis dafür, dass diese Ebene uns zu neuem Wohlstand verhilft.
      Eine angenehme Wärme durchzieht Teile des weißen Sandes und derwohl sie nicht immer auftritt, bewirkt sie doch ein schnelleres Wachstum unserer Brut.

      (Anmerkung des Halters: Gemeint ist hier wohl die 6W Heizmatte unter dem Formicarium die stundenweise in Betrieb ist ;))

      Nach zwei Tagen wurde jeder Winkel unseres neuen Reiches von meinen Töchtern erkundet. Sie haben bereits damit begonnen, an verheißungsvollen Orten in den Sand hineinzugraben und auch in diesem Reich findet sich auf wundersame Weise beinahe zu jeder Zeit Nahrung. Scheinbar ist der "Halter" dafür verantwortlich. Wie ich ihn für diese Abhängigkeit verabscheue...

      Es bleibt nunmehr zu sagen, dass zu dieser Zeit angenehme aber verbesserungswürdige 18°C und 66% Luftfeuchte herrschen. Dies ist an zwei menschlichen Anzeigern deutlich abzulesen, was wiederum zeigt, dass Menschen scheinbar nur mit beschränkten Sinnen ausgestattet sind.

      Auf dass die Kolonie wachsen und gedeihen möge!
      Träume den unmöglichen Traum, besiege den unbesiegbaren Feind, strebe mit deiner letzten Kraft nach dem unerreichbaren Stern.
    • Ein anderer Bericht als sonst zu Lesen ist Euer Majestät Königin Santisha die MCXXVII.
      Aber Ihr scheint auch hier und da zu Übertreibungen und Mutmaßungen zu neigen.
      Wird vielleicht daran liegen das alle Eurer Untertanen Ihnen nie wiedersprechen würden.

      Wie eine eher rötliche Haarfarbe Ihr bestimmt nicht selber gesehen habt und höchtstens davon gehört.

      Hochachtungsvoll, Michaela
      Krabbeln ist auch bei Menschen die erste Art zu Laufen :winkegirl:
    • Uiuiui, DAS ist lange her. Leider hatte, wenn ich mich recht erinnere, die Kolonie später ziemlich herbe Verluste zu erleiden, genauso wie meine Crematogaster damals. Bis ich darauf kam, was das Problem war (feinster Lehmstaub aus der Arena, der die Tracheen der Ameisen verstopfte), war es schon verdammt spät.

      Die Haare des Halters sind btw etwas nachgedunkelt über die Zeit und laufen jetzt vermutlich eher unter bräunlich mit Rotstich ;)
      Aber sehr guter Einwand! Ich nehme die konstruktive Kritik gerne an, heute würde sowas wohl als Fake-News betituliert... aber vielleicht ist ja ein alternativer Fakt, dass Ameisen doch gar nicht rotblind sind... alles böse Lügen um meine Santisha (R.I.P. :holy: ) zu verunglimpfen :D
      Träume den unmöglichen Traum, besiege den unbesiegbaren Feind, strebe mit deiner letzten Kraft nach dem unerreichbaren Stern.
    • War auch nicht sehr naheliegend. Letztendlich war das aber exakt das Problem. Lehmpulver sollte man immer gut mit Sand mischen, dann haftet sich das in die grobe Struktur des Sands an und mutieert nicht zum "Feinstaub". Ansonsten ist er anscheinend derart fein, dass er eben anscheinend die Tracheen verstopfen kann. Das erkennt man aber nicht sofort. Erst als ich bei einigen der verendeten Tierchen Verklebungen entdeckt hatte, dämmerte mir, was eigentlich Sache ist. Nach Anpassung der Arena war es dann zwar schon verdammt spät, aber das Problem trat immerhin nicht mehr auf.

      Man lernt eben auch nach Jahren noch dazu, leider manchmal auch auf die harte Tour.
      Träume den unmöglichen Traum, besiege den unbesiegbaren Feind, strebe mit deiner letzten Kraft nach dem unerreichbaren Stern.